Megatrend Co-Living

Co-Living ist ein globaler Megatrend in Industriegesellschaften, der in Deutschland aber gerade erst entdeckt wird. Es handelt sich um zeitgemäße Wohngemeinschaften, die auf komfortable und inspirierende Weise die neue WG darstellen: Sie hat sich der modernen Arbeits- und Lebenswelt angepasst und entspricht dem aktuellen Zeitgeist. Meist junge Menschen leben in möblierten WGs zusammen, die einen hohen Standard aufweisen. Die Bewohner sind berufstätig mit meist höheren Einkommen. Sie unterstützen sich in ihrer Kreativität, ihr Wohnbereich soll sie inspirieren. 

Warum gibt es Co-Living?

Sozialforscher ergründen gerade diesen Trend, Immobilienmakler und Baugesellschaften nehmen ihn zur Kenntnis und passen ihre Angebote an dieses Bedürfnis an. Sie nehmen zur Kenntnis: Die Millennials wollen nicht mehr ins Reihenhaus oder Eigenheim mit Garten, erst recht lehnen sie die Eigentumswohnung im anonymen Schlafquartier ab. Stattdessen suchen sie den „Hub“ mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten. Ihre Wohn- und Arbeitsprioritäten haben sich verschoben. Das wird durch die technologische Entwicklung begünstigt, denn arbeiten kann man heute online überall. Daher sehen moderne Büros immer den Wohnzimmern aus amerikanischen Sitcoms ähnlich, während moderne Wohnungen optimierte WG-Zimmer sind, in denen in jeder Ecke auch gearbeitet wird.

Das hat viele Vorteile: Die WG ist auch bei gehobenem Standard günstiger als ein eigenes Haus zum Einigeln, gesellig ist sie außerdem. Nicht zuletzt kann viel Gemeinsamkeit auch viel Kreativität forcieren. Gelegentlich nehmen WG-Bewohner gemeinsame Projekte in Angriff, gründen Start-ups und werden eben mal mit dem Tablet auf der heimischen Couch und im Diskurs mit einem Mitbewohner erfolgreich. Man sieht ihnen ihren Erfolg äußerlich nicht unbedingt an, denn auf Status legen sie keinen Wert mehr. Die Vorzeige-Villa ist längst passé, auch ein eigenes Auto brauchen viele der jungen Leute nicht mehr. Wozu sollen sie sich durch einen Stau quälen? Dieser Trend begann schon ein wenig früher und ist dem Verkehrschaos in Megametropolen geschuldet, die diesem wiederum mit einem erstklassigen öffentlichen Nahverkehr entgegenwirken.

Daher besitzen heute nur noch 23 % aller Einwohner von Manhattan (NYC) ein Privatauto. Sie kommen mit der U-Bahn, Bussen, Taxis, Uber und Carsharing deutlich günstiger vom Fleck. Das Privatauto als Statussymbol ist damit vollkommen obsolet geworden, nun trifft es auch die Privatwohnung. Dort spielen die Größe des Fernsehers, die Marke der Waschmaschine oder der Luxus der eigenen Küche praktisch keine Rolle mehr. Es wäre auch schwer, sich innerhalb einer WG über die Marken zu einigen. Wer aber gemeinsam kocht, dem ist Status sowieso egal. 

Was ist mit der Privatsphäre beim Co-Living?

Natürlich wissen die WG-Bewohner, dass Menschen für den Schlaf, für sonstige Ruhephasen, aber auch für ihre Hygiene oder romantische Stündchen eine absolute Privatsphäre benötigen. Diese wird geschaffen (auch mit schalloptimierten Lösungen und eigenen Toiletten) sowie respektiert. Wenn das funktioniert, können die WG-Bewohner die Geselligkeit im gemeinsamen Wohn-/Arbeitsraum umso mehr genießen. Junge Menschen lieben die Gemeinschaft, sie wollen gemeinsam chillen, Sport treiben, über Gott und die Welt diskutieren, kochen, feiern und auch arbeiten.

All das wünschen sie in einem gehobenen Standard durchzuführen, den sie sich durchaus leisten können, der aber beim Co-Living naturgemäß auch nicht allzu teuer ist. Daher gehören zu entsprechenden Quartieren, die im angloamerikanischen Raum schon seit über einem Jahrzehnt zur Verfügung stehen, auch eine Bar, ein Pool und ein Fitnessraum. Das braucht aber niemand für sich exklusiv, die Bewohner teilen sich diese Annehmlichkeiten gern. 

Wann kommt Co-Living in Deutschland an?

Es beginnt gerade jetzt (Anfang 2019). Die deutsche Immobilienwirtschaft hat den Trend ein wenig verschlafen, obgleich andere Gemeinschaften wie Co-Working durchaus zur Kenntnis genommen wurden. Dabei geistert Co-Living schon länger durch US-Sitcoms wie “New Girl” oder “Baby Daddy”, doch es wurde wohl eher als Exotik denn als praktikable Lebensform wahrgenommen. Vielleicht gibt es in Deutschland auch (noch) einfach zu günstigen Wohnraum.

In Großbritannien und den USA, aber auch in Israel oder Frankreich erzwingen die Märkte Kreativität beim Wohnen, denn dort kostet der Quadratmeter schlicht ein Vielfaches selbst in Relation zu teuren deutschen Lagen (München, Berlin, Hamburg, Stuttgart). Die Immobilienunternehmen und Projektentwickler müssen Trends wie das Co-Living schneller erkennen und viel agiler darauf reagieren. Deutsche Branchenvertreter hingegen optimieren immer noch eher die Grundstücks- und Geschossplanung, ihr Fokus liegt auf Zwei- und Dreizimmerwohnungen oder Reihenhaussiedlungen in Randlagen.

Damit könnte unter Umständen in den kommenden zehn Jahren ein Überangebot an unzeitgemäßem Wohnraum entstehen. Die Nachfrage wird wohl eher in Richtung WG-taugliche Apartments als in Richtung Einzelwohnungen gehen. Solche Apartments und ganze Häuser für das Co-Living müssen geplant werden, sie brauchen spezielle Grundrisse und auch Standorte (City-nah bei dennoch günstiger Miete). Daher ist der deutschen Immobilienwirtschaft dringend zu raten, den Trend zum Co-Living genau zu untersuchen und darauf adäquat und schnell genug zu reagieren.