2019 höhere Zinsen?

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hatte es bereits angedeutet: Die EZB will zukünftig weniger Staatsanleihen aufkaufen, was wiederum von den Finanzmärkten als Abkehr oder gar Ende der Politik billigen Geldes interpretiert wurde. Umfragen zufolge, erwarten etwa 80 Prozent der Immobilienexperten für das Jahr 2019 eine Erhöhung des Leitzinses. Diese Haltung geht mit einer kurzfristigen Steigerung der Nachfrage nach Eigenheimen einher. Etwa 50 Prozent der befragten Immobilienmakler erwarten eine Steigerung des Leitzinses von gegenwärtig null Prozent auf etwa 0,25 Prozent. Etwa 26 Prozent der Befragten prognostizierten sogar eine Erhöhung auf einen Level zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Nur etwa vier Prozent rechnen mit einer noch stärkeren Erhöhung.

Faktoren für die derzeitige Niedrigzinsen

Das gegenwärtige Zinsniveau wird hauptsächlich durch den Leitzins der EZB geprägt. Erhöht die EZB den Leitzins, steigen die Darlehenszinsen, wodurch auch Immobilienkredite teurer werden. Die expansive Geldpolitik der EZB soll die Konjunktur innerhalb der Eurozone weiter stärken. Durch „billiges Geld“ soll die Nachfrage von Unternehmen und Konsumenten nach Gütern weiter verstärkt werden. Ebenso soll das Abrutschen der Volkswirtschaft in die Deflation vermieden werden. Eine Deflation, also eine Erwartung sinkender Preise, führt zur Zurückhaltung bei Investoren und Konsumenten. Niedrige Zinsen sollen Kreditinstitute zur Vergabe von Krediten veranlassen, was wiederum die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen stärkt und die Konjunktur ankurbelt.

Hinzu kommen äußere Faktoren, die für die gegenwärtige Niedrigzinssituation und die Geldpolitik der EZB verantwortlich sind. Der Handelsstreit zwischen den USA und China, der Krieg in Syrien, die Krisen Italien und Griechenland sowie der Brexit tragen weiter zur expansiven Geldpolitik der EZB bei.

Nutzung von Zinsen und Zinserwartungen

Die EZB macht Geschäftsbanken keine Vorschriften über die Zinsen, die sie von ihren Kunden verlangen. Sie legt lediglich die Leitzinsen fest, zu denen sie Geld verleiht. In der Regel zahlt eine Geschäftsbank für Sparguthaben nur den Zinssatz, für den sie selbst das Kapital erhält. Somit bestimmen die Entscheidungen der EZB auch die allgemeine Zinsentwicklung und wirken sich auf Spar- und Kreditzinsen jedes Einzelnen aus. Die Entwicklung der letzten Jahre war für Sparer insgesamt nachteilig. Die Leitzinsen wurden ständig gesenkt und liegt seit März 2016 bei null Prozent. Selbst der Einlagesatz, mit dem Geldhäuser Guthaben im Eurosystem anlegen können, liegt bei minus 0,4 Prozent. Geschäftsbanken müssen sogar eine Verwahrgebühr zahlen, wenn sie Geld bei der EZB anlegen. Kreditnehmer sind natürlich im Vorteil, wen auch die Kreditzinsen deutlich günstiger wurden.

Geht der Verbraucher davon aus, dass eine Zinsentscheidung der EZB zu erwarten ist oder sogar ein Zinsanstieg bevorsteht, sollte mit Geldanlagen noch gewartet werden. Wird hingegen Kapital benötigt, sollte genau in dieser Situation ein kurzfristiger Kredit beantragt werden, um von den niedrigen Zinsen zu profitieren. Dies gilt insbesondere für Baufinanzierungen, bei denen es sich um hohe Summen und lange Laufzeiten handelt. Verbraucher sollten sich überlegen, wie lange sie sich binden möchten. Werden weiter steigende Zinsen erwartet, kann sich eine kurze Anlagedauer lohnen und zunächst einen Zinsanstieg abzuwarten.

Zuverlässigkeit von Zinsprognosen

In der Vergangenheit gab es vor dem Hintergrund ständig neuer Zinstiefstände schon häufiger Voraussagen einer Zinswende. Tatsächlich kam es jedoch nicht dazu oder Erhöhungen waren nur sehr begrenzt. Die Geldpolitik der Zentralbank ist weiterhin extrem expansiv und wird weiterhin künstlich niedrig gehalten. Ursache dafür ist die Fokussierung auf weiteres Wachstum der Volkswirtschaften der EU-Mitgliedsländer und die Senkung der Zinsbelastung der Schuldenstaaten Südeuropas. Mögliche „Weissagungen“oder „Prognosen“ können zudem durch nicht vorhersehbare Ereignisse beeinflusst werden. Dennoch bilden Entscheidungen aus der Vergangenheit keine Grundlage für ihre Fortschreibung in der Zukunft. Jede „Voraussage“ sollte daher zunächst kritisch betrachtet werden.

Mögliche Einflussfaktoren für die Zinsentwicklung in der Zukunft

Offizielles Ziel der Niedrigzinspolitik der EZB ist die Stärkung der Konjunktur. Die in der Eurozone befindlichen Staaten konnten bereits mehr als 1,15 Billionen Euro Zinszahlungen sparen. Insbesondere die hoch verschuldeten Staaten Südeuropas können ihre Schulden enorm verringern. Kritiker sehen hier eine gigantische Umverteilung innerhalb der EU-Staaten.

Bedingt durch die niedrigen Zinsen gab es in den letzten Jahren enorme Preissteigerungen auf dem Immobilienmarkt und hier insbesondere in Ballungsgebieten. Sollten sich die Immobilienpreise sich jedoch als „Blase“ herausstellen, könnte die Nachfrage nach Krediten zurückgehen, was sich wiederum auf die Bauzinsen auswirken kann. Die Folge wären höhere Zinsen bei Bau- und Anschlussfinanzierungen.

Eine gut laufende Wirtschaft mit hoher Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führt normalerweise zu einer stärkeren Kreditnachfrage und führt zu höheren Darlehenszinsen. Die EU-Kommission erwartet einen weiteren Wirtschaftsaufschwung, der jedoch durch weltweite Unsicherheiten, Handelsstreitigkeiten und steigenden Ölpreisen gedämpft werden könnte.

Obwohl die Entschuldung südeuropäischer Staaten Fortschritte macht und die Wirtschaft weiter floriert, werden sich die Zinsen weiter an den verschuldeten EU-Staaten Südeuropas orientieren. EZB-Chef Draghi, ehemals Gouverneur der italienischen Zentralbank, ließ verlauten, dass sich die Zinspolitik der EZB zunächst nicht ändern wird.